Wie kann ich die Krise überstehen?

Seit zwei Wochen sind meine Familie und ich im Ausnahmezustand. Gemeinsam mit Millionen anderer Menschen versuchen wir zu Hause unseren Teil dazu beizutragen, daß sich nicht noch mehr Menschen mit Covid-19 anstecken. Mit jedem Tag wird es schwieriger.
Wer jetzt eine Anleitung erwartet, was man in dieser Zeit machen kann, um sie bestmöglich zu überstehen, den muß ich enttäuschen. Das hier ist nur mein persönlicher Weg.

Meine Sorge ist, irgendwann durchzudrehen. Die ganze Zeit eingesperrt zu sein, in einem völlig verrückten Alltag. Mit der Ungewissheit nicht zu wissen, wann die Situation sich zum Positiven ändern wird. Dank Homeoffice kann ich weiterarbeiten, dafür bin ich sehr dankbar. Aber es kostet mich wahnsinnig viel Energie. Parallel möchten die Kinder Aufmerksamkeit, Hilfe bei den Aufgaben aus der Schule, regelmäßige Mahlzeiten und moralische Unterstützung. Sie dürfen ihre Freunde nur noch über den Bildschirm sehen, es gibt keinen Turnverein, keinen Musikunterricht. Einfach nichts über unser zu Hause hinaus.
Ich glaube das Schwierigste ist für mich gerade auszuhalten, daß die Tage verschwimmen und ich keine Möglichkeit habe an der Gesamtsituation etwas zu ändern.

Mich halten gerade zwei Dinge am Ende des Tages aufrecht. Meine noch recht neue Arbeit, die einen gesellschaftlichen Mehrwert bietet und mein Tagebuch. Tagebuchschreiben habe ich erst kürzlich wieder für mich entdeckt. Und neulich las ich auch auf dem Blog von Bella einen Artikel, wie man es anfangen kann Tagebuch zu schreiben. Sie wählt die klassische Buch-variante, ich habe für mich einen digitalen Weg gewählt. Vielleicht kann ich damit auch andere inspirieren?

Mein Weg in Richtung Achtsamkeit

Mit Achtsamkeit wollte ich lange nichts zu tun haben. Für mich war das ein Hype, den ich nicht mitmachen wollte. Und irgendwie erschien mir alles zu esoterisch und alles in mir sträubte sich dagegen, mich mit dem Thema näher zu beschäftigen. Es hat lange gedauert, und mehrere Menschen benötigt, bis ich es doch verstand, daß Nachhaltigkeit ohne Achtsamkeit nicht funktioniert. Nachhaltigkeit fängt quasi bei mir an. Achte ich nicht auf mich, kann ich auch in anderen Bereichen nicht nachhaltig agieren.

Vor mehr als vier Jahren lernte ich Anja kennen, die auf „Leben ist ansteckend“ genau zu diesem Thema schreibt. Einer der ersten Sätze, die sie zu mir sagte war: „Wir schreiben beide über ähnliche Themen.“ Ich mußte innerlich lachen, konnte ich doch keine Gemeinsamkeiten entdecken. Uns verband über das Bloggen hinaus so viel, daß meine Abneigung kein Hindernis war eine Freundschaft aufzubauen.

Daycatcher – Das soziale Achtsamkeitsnetzwerk

Im letzten Herbst traf ich dann auf Drängen meiner Freundin Séverine auf ihrer Konferenz Swissblogfamily auf eine beeindruckende Frau. Und mit beeindruckend meine ich, noch bevor wir ein Wort gewechselt hatten, spürte ich eine besondere Energie, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat. Wir wechselten wenige Sätze, aber in diesem Fall war es eher die nonverbale Kommunikation, die uns zusammenbrachte.

Päivi hat Daycatcher entwickelt, um Menschen ein Hilfsmittel an die Hand zu geben, auf sich selbst zu achten. Die App ist ein Onlinetagebuch mit sozialer Vernetzungsfunktion. Jeden Tag macht man ein Bild einer besonderen Situation (alles kann besonders sein) und beschreibt in kurzen oder langen Worten diese Situation. Wer möchte, kann anderen Nutzern folgen und deren Einträge kommentieren. So simple so gut.

Ich war mir im November nicht sicher, ob mich das Konzept auf Dauer binden kann. Ich schreibe sehr gerne und sehr viel. Aber privat? Mein letzter Tagebucheintrag war mit 13. Als ich unglücklich verliebt und alle Menschen in meiner Umgebung doof war. Danach protokollierte ich noch meinen vierwöchigen Aufenthalt in Riga und das war es dann.
Manchmal muß man einfach Dinge ausprobieren, um festzustellen, wie gut sie einem tun können.

Seit 141 Tagen schreibe ich nun meine Erlebnisse des Tages nieder. Manchmal sind es kurze Notizen, meistens aber lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Und was soll ich sagen? Ich habe keinen einzigen Tag ausgelassen. Das Schreiben ist zu einer liebgewordenen Routine geworden. Was mir daran so guttut: Im Austausch mit mir selbst kann ich selbstkritisch, grüblerisch und ehrlich zu mir selbst sein. Und wenn ich möchte zusätzlich Feedback aus der Community bekommen. Am Ende des Tages bin ich nach meinem Tagebucheintrag fast immer mit dem Tag versöhnt. Denn es ist nie schwarz oder weiss. Jeder Tag hat einen Moment, der erinnernswert ist.

Wer mich kennt, hat schon mitbekommen, ich bin eine, die gerne nachbohrt, abklopft und schaut, ob es nicht doch einen Haken gibt. Ich kann keinen Haken finden. Im Gegenteil, ich finde solche Statements, wie sie Daycatcher in seinen Community-Richtlinien schreibt ausgesprochen mutig und ausgesprochen optimistisch: «Wichtig ist dabei, dass die Mitgliedern gemeinsam Verantwortung dafür übernehmen, die Daycatcher-Plattform angemessen, konstruktiv und freudvoll zu gestalten, sodass alle davon profitieren können»

In Anbetracht des ganzen Hasses, der ins Netz gekippt wird, ist das ein bißchen wie eine Insel. Und den Mitgliedern der Community einen Teil der Verantwortung für das gelingen zu übertragen ist klug. Das gefällt mir. Auch der Hinweis: «Und wenn du anderen nichts Nettes zu sagen hast, dann sag nichts» – Daycatcher Community-Richtlinien.

Reicht bei mir auch bis ins Reallife. Auch wenn sich manch einer wundert, weshalb ich manchmal schweigsam bin. Schweigen verletzt hoffentlich weniger als unüberlegte, spontan ausgesprochene negative Gedanken.

Am Ende des Jahres möchte ich mein Tagebuch auf Daycatcher als kleines Buch drucken lassen, durch die Seiten meines Lebens blättern und feststellen, daß mein Leben eigentlich ganz gut ist.

Ich lebe! Jetzt!

Photo by Nick Fewings on Unsplash

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