Was sind Erinnerungen?

Es ist sehr interessant was Neurowissenschaften und Psychologie peu à peu über die Funktionsweise des Gedächtnisses bezüglich Erinnerungen herausfinden. Es ist das, was wir bei anderen oft vermuten, bei uns selbst jedoch für ausgeschlossen hielten: Das Gedächtnis ist trügerisch. Mehr noch: Erinnerungsfehler sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Unser Gedächtnis ist trügerisch

Das Gedächtnis sei evolutionär dafür ausgelegt, den Gipfel einer schmerzhaften oder lustvollen Episode sowie die Gefühle am Ende abzuspeichern, wobei die Dauer des Erlebnisses vernachlässigt werde. So kann der missratene Schluss eines Konzertes vierzig Minuten reinsten Musikgenusses ruinieren und die Erinnerung im Rückblick dazu trüben.

Doch zum Glück ist es im Wesentlichen nur eine Abteilung in unserem Gedächtnis, die uns öfters einmal trügt: das autobiografische Gedächtnis. Es speichert lebensgeschichtlich relevante Erfahrungen. Und es scheint, als sei seine Funktion nicht die, eine objektive Wahrheit abzubilden, sondern vielmehr uns unsere Geschichte so erzählen zu lassen, dass wir heute und morgen zurechtkommen.

Das “erlernende Selbst” und das “erinnernde Selbst”

«Das erlebende Selbst hat keine Stimme», sagt der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman. «Das erinnernde Selbst irrt sich manchmal, aber es ist dasjenige, das Buch führt und bestimmt, was wir aus dem Leben lernen.»

Erinnerungen sind multi-dimensional

Die Entstehung einer Erinnerung hängt von den Rohdaten ab, die unsere Wahrnehmung liefert. Das Gedächtnis arbeitet multisensorisch: hören, riechen, fühlen, schmecken, sehen. Wir registrieren die Einordnung des Körpers in den Raum, Schwerkraft, Temperatur, Feuchtigkeit und vieles mehr. Jede Sinneswahrnehmung kann Fehlern unterliegen, und das kommt oft vor. Jede Farbe, jede Berührung, jeder Blick wird mithilfe von Erinnerungen an früher Wahrgenommenes oder Gelerntes erkannt, bewertet, gespeichert, wobei es keinen Unterschied macht, ob die Wahrnehmung wahrhaftig ist oder eine Illusion.

Erinnerungen sind synaptische Verbindungen

Signalübertragungen sind es, die Erlerntes und Erlebtes physiologisch repräsentieren. Intensive Erinnerungen sind das Ergebnis eines kontinuierlichen Informationsflusses von einer Zelle zur nächsten. Je grösser die Emotion, desto stabiler die synaptischen Verbindungen und hartnäckiger die Erinnerung.

Je mehr Details rund um ein Ereignis wahrgenommen und gespeichert werden, desto leichter ist es, die Erinnerung abzurufen. Jedes Ding öffnet neue Türen für Assoziationsketten.

Was bleibt von einem Leben an Erinnerungen übrig?

Internationale Studien ergeben ein recht einheitliches Bild, was einen quantitativen Aspekt der Frage anbelangt: die Erinnerungsdichte im Verlauf der Lebensspanne. 70 Prozent der stärksten Erinnerungen im Leben eines Menschen beziehen sich auf das erste Lebensdrittel und nur 30 Prozent auf die vielen Jahre nach dem 25. Geburtstag. Grafisch dargestellt ergibt das eine Linie mit einem markanten Hügel am Anfang, Reminiszenz-Bump oder auch Erinnerungshügel genannt.

Neue Erinnerungen auch bis ins hohe Alter schaffen

Nach dem 30. Lebensjahr nimmt die Zahl der Erinnerungen drastisch ab, wobei das «erinnernde Selbst» nicht das «erlebende Selbst» ist. Ersteres konzentriert sich auf Neues, Überraschendes, Abweichendes, Emotionales. Sich wiederholende Erfahrungen verschwinden in der Masse der bereits erlebten.

Auch deswegen scheint die Zeit mit zunehmendem Alter zu verfliegen. Denn je mehr Erinnerungen in einem Zeitabschnitt lagern, desto länger erscheint er im Rückblick. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass das Leben mit 30 gelaufen ist. Das «erlebende Selbst» ist es ja, das lebt. Ganz egal, wie das «erinnernde Selbst» es später verbucht.

 

Auszug aus dem Artikel «Wir erfinden uns laufend neu» von Anja Jardine erschienen in der NZZ am Samstag 05. Juni 2021

Hier der Link zum ganzen Artikel in Deutsch:

Ein Tagebuch mit DAYCATCHER zu führen, hilft Erlebnisse in der ganzen Tiefe festzuhalten und zu verarbeiten und mit einem Datum, Bild, Titel und Text sehr umfangreiche Assoziationsketten festzuhalten. Wenn man seinen Catch später liest, erinnert man sich wieder wie sich der ganze Tag mit allen Sinnen erlebt angefühlt hat. Es führt aber auch dazu, dass man bewusst die tägliche Routine, den Alltag mit neuen Erlebnissen zu bereichern sucht, weil gerade diese zu neuen positiven Erinnerungen führen. Auch bis ins hohe Alter.

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