Unverplante Zeit

Letztes Jahr habe ich beschrieben wie «mir zu erlauben etwas nicht zu tun» ein gutes Gefühl gibt: also Vorsätze mehr Dinge “nicht zu tun”.

Ganz bewusst nicht alle Zeit zu verplanen, also unverplante Zeit zuzulassen. Unverplante Zeit ist genau das, wonach es sich anhört, es ist Zeit, die keinen festen Zweck hat.

Sich erlauben etwas “nicht zu tun” ist nicht gleichbedeutend mit Fasten oder sich in Enthaltsamkeit zu üben und bewusst etwas aufzugeben, was schädlich oder oft auch angenehm ist, um ein tugendhaftes Ziel (zum Beispiel ein gesundheitliches Ziel) zu verfolgen.

Letztendlich ist Enthaltsamkeit ein Versuch, sich besser zu fühlen – eine Suche nach einer Form des Glücks oder eines Geisteszustandes, der uns auf der Suche nach Sinn oder Zufriedenheit hilft.

Linda Grant, die im «The Guardian» schreibt, hat eine andere Perspektive: “Schädliches oder Vergnügliches aus unserem Leben zu verbannen, ist eine Form der Selbstkontrolle, wenn alles andere chaotisch und ausserhalb unseres individuellen Einflussbereichs liegt.” Aber dann muss man sich überlegen, ob das angestrebte Ziel letztlich wirklich unsere eigene Wahl ist oder nicht eher nur das Übernehmen einer Ideologie von anderen ist.

Wenn man mit dem eigenen Lebensstil experimentieren will, um zu sehen, ob man sich durch bestimmten Verzicht oder Fokus besser fühlt, ist das durchaus in Ordnung. Es muss ja keine immerwährende Ja-Nein-Entscheidung sein.

Unverplante Zeit in einer Welt, in der Zeit als produktive Ressource geschätzt wird, ist eine eher schwierige und sehr individuelle Entscheidung. Es ist eine bewusste Entscheidung, um dem Druck entgegenzuwirken, immer mehr Aufgaben in einer begrenzten Zeitmenge erledigen zu wollen und damit seine Zeit effizient (also ökonomisch produktiv) zu nutzen. Sie erfordert, dass man “Nein” sagt.

Die freie Zeit oder Freizeit, wie sie von den Theorien der Unternehmensführung propagiert wird, wird oft auf den Zweck der Aufrechterhaltung der Produktionskapazität durch ausreichenden Schlaf und Bewegung reduziert, während der man aber gleichzeitig auch die Kalorienzufuhr kontrolliert und grundsätzlich alles vermeidet, was den eigenen persönlichen Wert für das Unternehmens mindern oder die Kosten erhöhen könnte (z.B. Produktionsausfall aufgrund von Gesundheitsproblemen oder höhere Versicherungsprämien).

Melissa Gregg erklärt in “Counterproductive: Time Management in the Knowledge Economy”, dass Zeitmanagement Theorien versprechen, dass ein sinnvolles Leben in dieser gewinnorientierten Umgebung immer noch möglich ist, und dass es mit den richtigen Techniken zwei Dinge gleichzeitig erreicht werden können. Nämlich ein erfülltes Leben zu führen und trotzdem den ständig steigenden Anforderungen der Arbeitgeber gerecht zu werden.

Doch Oliver Burkeman schreibt ebenfalls im “The Guardian”: “Es ist nicht zwingend notwendig mehr Geld zu verdienen, mehr Ziele zu erreichen, unser Potenzial in jeder Hinsicht auszuschöpfen oder sich besser in der Gesellschaft einzufügen.” In einem ruhigen Moment in Seattle zitierte Robert Levine, ein Sozialpsychologe aus Kalifornien, den Umweltschützer Edward Abbey: “Wachstum um des Wachstums willen ist die Ideologie der Krebszelle.”

Wenn man unverplante Zeit reduziert, verringert man auch die Vorteile dieser zusätzlichen Zeit. Unverplante Zeit ist zum Beispiel für die Kreativität unerlässlich. Gute Ideen gedeihen nicht unter Zeitdruck. Zeitmanagement-Methoden werden nicht helfen, Fragen nach dem Sinn des Lebens oder dem, was persönlich wichtig ist, zu beantworten.

Unverplante Zeit ist eine Zeitspanne, in der es keine Erwartungen zu erfüllen gibt und in der keine Aufgaben darauf warten, erledigt zu werden.

Mit unverplanter Zeit kann man alles zu tun, was uns gerade in den Sinn kommt. Der Jahreswechsel ist oft eine solche Zeit, nachdem man sich um Arbeit und familiäre Verpflichtungen gekümmert hat.
Unverplante Zeit lässt Raum für Spontaneität, für impulsive Entscheidungen, für glückliche Glücksfälle. Sie macht uns auch empfänglich, achtsam und offen für unsere Umgebung, die Natur und für andere Menschen.

Vor allem aber erinnert uns die unverplante Zeit daran, dass es noch viel mehr im Leben gibt, als was wir geplant haben.

Die Ironie ist, dass wir, um unverplante Zeit zu haben , diese einplanen müssen.

homo serendipitous

Fotocredit: Aron Visuals (https://unsplash.com/)

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