Perfekt – oder doch nicht?

Perfekt ist eine Zeitangabe, der Moment vor dem Präsens, auch Vorgegenwart genannt. Es gibt auch Plusquamperfekt, die Vorvergangenheit.

Perfekt ist aber auch ein Anspruch, und es geht mir hier natürlich um diesen. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich perfekt sein: als Ehefrau, Mutter, Tochter, Schwester, Arbeitnehmerin, Freundin, Köchin, etc. Weniger wichtig ist mir die Perfektion bei Haushalt, Garten oder Sport. Dies zeigt mir, dass diese Aktivitäten für mich weniger wichtig sind und ich kann somit Prioritäten erkennen. Wunderbar! Ich habe eine positive Seite in meinem Wunsch nach Perfektion gefunden.

Natürlich ist es nicht so einfach; wir denken hier ja über uns nach. Das Problem ist meiner Meinung nach nämlich, dass es keine Perfektion gibt. Wie, bitte, definiere ich eine perfekte Mutter? Gern beginne ich eine Liste: verständnisvoll, geduldig, liebend, warmherzig, offen. Nun gehört aber zu meinem Muttersein auch, dass ich Grenzen setze, meine Kinder auf die Welt vorbereite, die nicht immer freundlich ist und Ihnen Werte vermittle, die mir wichtig sind. Ebenfalls ist es eine Tatsache, dass ich mich nicht immer tadellos benehme; manchmal verliere ich die Nerven oder lasse auch mal ungrad grad sein, weil das viel weniger anstrengend ist. Ist das nun perfekt, weil es real ist? Nein, ich denke nicht.

Zu meiner Verteidigung möchte ich aber wieder einmal die Musik zur Hilfe nehmen: eine «perfekte» musikalische Interpretation ist, falls es sie überhaupt gibt, langweilig. Ich merke immer wieder, dass das Unperfekte sehr viel lebendiger und authentischer ist als eine sterile, fehlerfreie Wiedergabe. Ich plädiere für den Mut zum Nicht-Perfektionismus, auch wenn ich selber immer wieder damit hadere, zugegeben.

Übrigens: Perfekt kommt gleich nach der Gegenwart, danach findet auf der sprachlichen Zeitachse das Imperfekt seinen Platz. Könnte es sein, dass, was uns perfekt vorkommt, sich im Nachhinein als Imperfekt herausstellt?

Isa

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