Leben ist tödlich – loslassen

Herausfordernde Zeiten begleiten mich beim Schreiben dieses Blogartikels. Wir befinden uns aktuell inmitten einer unerwarteten Ausnahmesituation. Die ganze Welt stand die letzten Wochen und Monate fast komplett still. Es ist passiert, was sich wohl keiner jemals hätte vorstellen können. Ladengeschäfte, Restaurants, Friseursalons, Kosmetikstudios und vieles mehr wurden von heute auf morgen geschlossen. Was in vielen Firmen bis zu dem Zeitpunkt unmöglich erschien, trat von jetzt auf gleich ein und viele Mitarbeiter wurden ins Home-Office geschickt.

Einzig die sogenannten “systemrelevanten” Berufe leisteten unter Hochdruck noch mehr als je zuvor. Diese Situation stellte aber alle Menschen vor Gedankenspagate. Denn ganz ehrlich: Welches Gefühl löst es in Dir aus, wenn das was Du täglich mit viel Fleiss und Ehrgeiz leistest, auf einmal irrelevant und irgendwie wenig bis gar nichts mehr wert ist? Inmitten einer leistungsorientierten Gesellschaft konntest Du auf einmal kaum Leistung erbringen und warst mit diesen Fragen plötzlich komplett auf Dich selbst zurückgeworfen. Diese besondere Phase hat vielerorts zu Verwirrung geführt. Besonders spannend war der Umstand, dass von aussen fast keine Ablenkung mehr konsumiert werden konnte. So zeigten sich oftmals ziemlich ungehemmt Deine tiefsten Ängste.

Wie gut kann ich diese nachvollziehen. Vor einigen Jahren war ich in einer ähnlichen Situation. Als meine Mutter starb, verlor ich fast zeitgleich meine Anstellung, über welche ich mich sehr stark definierte. Mit dem Gedanken “Ein Unglück kommt selten allein” zog ich mich schneckengleich in mein Heim zurück.

Während der Pandemie haben viele Menschen etwas gefunden, was ich damals leider nicht geschafft habe: Sie entdeckten in diesen Stunden der Innenschau die Schönheit unserer Natur vor der Haustüre. Über Nacht wurden kreative Lösungen entwickelt sowie neue Qualitäten an sich und anderen entdeckt. Viel Positives konnte sich zeigen und formen. Eine Pandemie ist aber natürlich genauso wenig ein Quell unendlicher Freude wie meine Verluste damals. In kürzester Zeit erkrankten viele Menschen an einem unbekannten Virus, so manche verstarben. Angehörige trauerten um ihre Liebsten, starke Unsicherheit sowie viele verschiedene Meinungen und Missverständnisse herrschten vor.

Das Gute ist oft ganz nah

Aktuell ist mein Fazit dieses unbekannten Ausnahmezustands, dass er sowohl das Beste als auch das Negativste im Menschen hervorholt und sichtbar macht.
Es spiegelt den Umgang unserer Gesellschaft mit Abschieden. Von Menschen, Situationen, liebgewonnenen Traditionen. Für mich war damals diese geballte Ladung an Verlust ein wichtiger Prozess des Loslassens. Er forderte mich zwar so manche Stunde schmerzlich heraus. Dennoch war er für meine weitere Entwicklung unendlich wichtig und wertvoll. Da ich gewisse Parallelen dazu entdecke, was in den letzten Wochen in vielen Menschen vorging, teile ich gerne auf folgenden Zeilen meine Herausforderungen und Lernimpulse mit Dir.

Loslassen ist ein grosses Wort. Dicht gefolgt von Annahme und Akzeptanz. Diese kräftigen Benennungen machten mir lange Angst. Hierzulande werden sie schliesslich in der Regel kaum mit erwünschten Gefühlszustände verbunden. Von allen Seiten wird Dir demonstriert, wie gross und erstrebenswert das Suchen, Finden und Halten von Glück ist.

Was ist Glück überhaupt?

Es scheint als sei Glück das höchste Ziel und ein Gefühlszustand, welcher kaum zu erreichen ist. Was aber, wenn es anders ist? Das grosse Glück sich in den kleinen Dingen und Momenten verbirgt? In denen, die Du vor lauter “schneller, höher, weiter” oft kaum mehr wahrnimmst. Versteckt es sich in den Veränderungen, welche Du so oft scheust?

Gut möglich, dass der Gedanke an etwas Neues in Dir Widerstand auslöst. Aufgrund der Funktionsart des menschlichen Gehirns ist dies komplett normal. Es arbeitet nämlich mit den Daten vergangener Erfahrungen. Wie Du siehst: Dieses Warnsystem hatte in der Zeit von Säbelzahntigern und Co absolute Daseinsberechtigung und rettete Leben. Doch ist diese Gefahr heute noch real oder verpasst Du dadurch Deine wahren Momente des Glücks?

Wie wäre es, würde das Glück schon hier sein? Wenn es sich in einer neugewählten Route zur Arbeit zeigt. Deinem Mut, den Kaffee anders zu trinken als gewohnt oder Dein Lieblingsessen aus Deinem Stammlokal in eigenem Stil zuhause selbst zu kochen. Dem Aufstehen morgens um 5 Uhr um zu beobachten, wie der Tag erwacht. Ob es sich dahinter verbirgt, kannst Du ganz leicht herausfinden und Deinem Hirn damit neue Erfahrungswerte schenken. Getreu meinem neuen Motto: “Einfach mal machen, könnte ja gut werden”.

Widerstand zwecklos

Nach langem Kampf gegen das Loslassen habe ich inzwischen meinen Frieden damit geschlossen. Mit der Kategorisierung und Schubladisierung meiner Gefühle und Gedanken versuche ich Schluss zu machen. Indem ich achtsam wahrnehme und meine Selbstfürsorge an erste Stelle setze, gelingt mir dies sehr gut. Meine Entscheidung hat grossen Einfluss auf alle Bereiche meines Lebens. Es ist sehr viel runder und stimmiger geworden. Fürsorge alleine ist eine gute Sache, führt aber dazu mehr im Aussen zu sein als bei Dir selbst. Indem Du selbst gut zu Dir schaust und an erste Stelle setzt, kannst Du Dein Umfeld sogar bewusster unterstützen als je zuvor.

Gefühle erhalten nun statt einer Wertung Deine absolute Zuwendung. Mutig versuchst Du sie zuzulassen, anzunehmen und als Teil Deiner selbst zu akzeptieren. Was ist und sich zeigen will, hat seinen guten Grund auf Deinem Lernweg. Zusätzlich wirst Du so zu Schöpfer*in Deines Lebens. Als Gast unterstützen Dich die Momente des Klammerns und Festhaltens, weil sie Dich aufmerksam machen, wie es um Deinen Fokus steht. Sie füllen Deine Tage mit genauso wertvollen Momenten wie die frohen Stunden. Oftmals scheinen die lichterfüllten Momente dank den Erkenntnissen der dunklen Phasen des Lebens umso heller. Ehrlich, es gibt angenehmeren Besuch. Dennoch brauchen die lehrreichen, einsamen und nachdenklichen Stunden in der Regel keinen Concierge, welcher sie umsorgt. Sie sind pflegeleicht und es reicht, wenn Du ihnen die Türe öffnest. Lässt Du sie nach ihrem Eintritt etwas angelehnt, verlassen sie das Haus meistens selbständig wieder, sobald die gemeinsame Zeit um ist.

Meine Erfahrungswerte mit Abschiedsprozessen kurz zusammengefasst:

  • Sei aufrichtig zu dir selbst
  • Unangenehmes darf da sein
  • Schau hinter die Kulissen Deiner Gefühle
  • Nutze die Geschenke des Lebens
  • Höre gut auf die Botschaften
  • Geniesse das Urvertrauen
  • Das Leben ist immer für Dich

Handeln statt warten

Passivität fällt Dir schwer? Dann gebe ich Dir gerne eine Übung zur Hand, wie Du mit blockierenden Gedanken umgehen kannst.

Schreibe sie Dir auf einen Zettel, lies die Zeilen bewusst durch und verbrenne sie. Dies kann drinnen über einer Kerze oder draussen an einem Lagerfeuer geschehen. Persönlich höre ich dazu das Mantra “Ra Ma Da Sa”, welches dabei unterstützt neue Gedankenmuster aufzubauen und den eigenen Veränderungsprozess aktiv begleitet. Vorzugsweise begibst Du Dich vor dem Abschiedsritual auf einen lockernden Spaziergang, um Deine Gedanken zu ordnen. Im Nachgang empfehle ich Dir etwas Bewegung in Form von Yoga (da gibt es mittlerweile viele gute Onlinekurse wie etwa diesen von Christine Raab oder mit SeelenSport, dem tollen Konzept von Katrin Biber, welches mit Bewegung bei der Trauerarbeit unterstützt.

Loslassen erschafft Raum für Neues

In Nanosekunden wirbeln Deine Gedanken zu Tausenden durch Deinen Kopf. Solange sie frei herumschwirren, können sie Dich verwirren. Als täglicher Begleiter empfiehlt sich daher das Festhalten Deiner Gedanken. Eine Niederschrift verhilft Dir zu Klarheit und Fokus. “Wozu bin ich da und was ist meine Aufgabe?” Diese Antworten sind alle bereits in Dir. Indem Du sie bewusst wahrnimmst, erschaffst Du Dir eine neue Wahrheit und ein Leben voller Möglichkeiten und Geschenke. Du schenkst Dir wertvolle Zeit zur Transformation, indem Du keine Vergleiche ziehst und reflektierst.

Wenn es Dir schwerfällt beim Schreiben den Anfang zu finden, dann spür in Dich rein und schau, wo Du Freude spürst. Dort liegt immer Deine Antwort versteckt. Du findest diese, wenn Du ohne Bewertung schreibst. Im aktuellen Moment verankert, beginnst Du Deinen ersten Satz mit: “Ich erlaube mir …”. Dort setzt Du das Erste ein, was Dir mit freudigem Gefühl durch den Kopf geht. Weitere Fragebeispiele findest Du beispielsweise in meinem “Spirituellen Testament”.

Es empfiehlt sich von Zeit zu Zeit Deine Notizen zur Hand zu nehmen und Dich zu fragen: Stimmt das Geschriebene noch für mich? Sollte die Antwort negativ ausfallen, kannst Du jederzeit korrigierend eingreifen und die Richtung anpassen. Ob Entscheidungen und Gedanken aus Herz oder Kopf stammen, findest Du ganz leicht heraus: Wenn Du die entsprechenden Punkte auf einen Zettel schreibst und Dir die verschiedenen Möglichkeiten an Dein Herz hältst, spürst Du Deine körperliche Reaktionen. Wo sich Dir Vorfreude zeigt, ist die passende Antwort versteckt.

Aus alt mach neu

Von vielen Menschen habe ich gehört, dass der LockDown sie entschleunigte. Der Alltag in unserer Gesellschaft ist schnelllebig, fast schon hektisch. Die Zeit scheint Dir durch die Finger zu rinnen und es wirkt oft, als rennst Du den Stunden nach. Doch braucht es eine Pandemie, um dies zu ändern? Für mich besteht bei diesem Gedanken die Gefahr einer zu kurzfristigen Temporeduktion. Doch wie kannst Du langfristig das Gaspedal weniger hart durchtreten?

Positive Effekte kann ein Versuch mit Journaling bringen. Die moderne Form des Tagebuchs, bei der Du ebenfalls täglich oder zumindest sehr regelmässig schreibst, verhilft zu Klarheit. Hierbei stellst Du Dir in der Regel konkrete Fragen und konzentrierst Dich auf Möglichkeiten, Ziele, Wünsche und Erkenntnisse. Beispielsweise wofür Du gerade dankbar oder stolz bist, worauf Du Dich freust und vieles mehr. Der grosse Vorteil ist hierbei die Konzentration auf die positiven Dinge in Deinem Leben.

Indem Du täglich schreibst und reflektierst, kommst Du Dir selbst und Deiner ganz persönlichen Wahrheit wieder näher. Mit dieser Technik hilfst Du Dir ebenfalls, die Stimme Deines Herzens besser zu verstehen. Gut möglich, dass Dich das im ersten Moment etwas überfordert. Über die Jahre wurde Dir abtrainiert, diese Sprache zu verstehen. Sei mild und schenk Dir Zeit diese neuen Impulse zu verdauen. Gönn Dir regelmässige und bewusste Pausen, sag Nein, wenn Dir danach ist und beginne in Deinem Tempo damit, hinter Dir und Deiner Wahrheit zu stehen. Als ich meine Gedanken für diesen Artikel sortierte, begegnete mir folgendes Zitat von Deepak Chopra. Da ich an keine Zufälle glaube, teile ich es an dieser Stelle mit Dir:

“Leid ist Schmerz, an dem wir festhalten”

Loszulassen ist wie das Entsorgen von alten Schuhen, welche Dir nicht mehr passen. Dadurch kannst Du Begrenzungen hinter Dir lassen, belastende Themen an den Besitzer zurückgeben und Dich bewusst für einen neuen Lebensabschnitt entscheiden. Ich wünsche Dir, dass Du ganz bewusst und aus vollem Herzen «Ja» zu Dir selbst sagst und klare Entscheidungen für eine hohe Qualität Deines Lebens triffst.

Sabrina Steiner
Leben ist tödlich

Photo by Ankush Minda on Unsplash

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