Gartenglück

Vom Pflanzen, Wachsen und Vergehen – warum der Garten zu meinem liebsten Ort wurde.

Vor ca. 15 Jahren bekam ich grosse Sehnsucht nach einem Ort der Ruhe und einem Ort, im Freien verweilen zu können. Allein für mich, ohne andere Menschen. In der Stadt zu leben, ohne Balkon oder Garten, ging nicht mehr. In den Stadtparks oder am Rheinufer zu viele Menschen, so dass ich mich nicht mehr wohl fühlte und nirgends Ruhe fand.

Eines Tages besuchte ich eine Freundin in ihrem Schrebergarten und war danach erfüllt von der Idee, selbst so ein Fleckchen Garten zu pachten und dort sein zu dürfen. Es erschien mir wie ein grünes Paradies des Friedens. Doch es dauerte noch über ein Jahr bis es wahr wurde.

Ich hatte Vorurteile was Schrebergärten angeht: strenge Regeln, Spiessigkeit, Deutsches Kleinbürgertum, Gartenzwergästhetik usw. Doch die Besuche bei meiner Freundin zeigten mir, dass dieser Verein “anders” war. Jeder Garten sah individuell aus. Es gab sie, diese Gartenzwergidylle, wo alles in Reih und Glied wächst und kein Wildkraut eine Heimat findet. Genauso aber auch die anderen Gärten, die ökologisch bewirtschaftet werden, mit einer großen Vielfalt an Pflanzen. Auch verwilderte Parzellen, wo selten jemand was zu tun schien.

Alles findet seinen Platz, jeder darf sein wie er ist und es herrscht Toleranz. Multikulturell geht es auch zu. Das war mir dann doch sympathisch. Dann kamen noch die Bedenken: “Schaffe ich das?” und “Kann ich das?” Vom Gärtnern selbst hatten weder mein Mann noch ich die geringste Ahnung. Nur Lust es zu versuchen. So setzten wir uns auf eine Warteliste und nach ca. 1 Jahr kam eines Tages der Anruf: ein Garten wird frei. Aufgeregt fuhren wir hin und als ich den schmalen Pfad zum Garten entlang ging und der Moment kam, wo der Garten ausgebreitet vor mir lag, an einem wunderschönen Sommertag, da wusste ich: Das wird mein Ort, hier will ich sein. Es war Liebe auf den ersten Blick. Das gibt es wirklich.

So begann meine Gartenliebe. Das alte, aus Stein handgemauerte Gartenhäuschen und der Garten wurden in den 50er Jahren angelegt, und wir wollten dem Garten sein Gesicht erhalten. Überall fanden wir Spuren vom alten Besitzer, der den Garten erschuf. Und wir konnten seine Gartenphilosophie spüren und ihr nachgehen.

Als erstes strich ich den langen Holzzaun blau, dann sah dieses lange schon sehr vernachlässigte Gärtchen schon gleich so viel einladender aus. Wir wälzten Gartenbücher und probierten und pflanzten, kauften, tauschten, wurden beschenkt und beraten und manches gelang und vieles verging und fühlte sich nicht wohl. Langsam langsam wurde es schöner, wir spürten was der Garten braucht, legten Komposthaufen an und die Erde verbesserte sich immer mehr. Außerdem Reissighaufen, Totholzecken und Steinhaufen, als Tierbehausungen gedacht.

Heute ist der Garten ein Teil von uns geworden, er trägt unsere Handschrift, ist ein Abbild unserer beider Persönlichkeiten. Wir sind miteinander verwoben und es ist unser Freiluft-Zuhause. Der Garten dankt uns unsere Pflege, er ist mit uns gewachsen, wir finden uns in ihm wieder. Die ersten Jahre gab es viel Arbeit und ich habe erst lernen müssen, mich den Glücksmomenten hinzugeben, die sich ergeben, wenn man innehält und den Augenblick bewusst geniesst. Mich überraschen zu lassen von der Natur und dem was sie mir schenkt.

Das hat mich der Garten gelehrt und war ein Prozess.

Der Garten ist ein Ort der Langsamkeit.
Ich finde Schönheit, Magie, Berührung.
All meine Sinne werden angesprochen.
Ich werde still, ich beobachte, ich fühle.
Und ich werde heil dort.
Demut und Geduld lehrt er mich ebenfalls.

Der Garten ist ein beseelter, magischer Ort für mich. In ihm finden so viele Lebewesen Heimat! Die Tiere des Gartens helfen mit, seine Schönheit zu bewahren. Die Vögel singen, nisten bei uns und füttern ihre Jungen mit Raupen, die die Bäume sonst schädigen würden. Blindschleichen vertilgen die Nacktschnecken, Marienkäfer die Läuse. Und es gäbe noch viele Beispiele. Die Tiere danken uns den Lebensraum, den wir ihnen schaffen und es brummt und summt, ich liebe das Geräusch. Bienen, Schmetterlinge, Hummeln, Maulwürfe, Regenwürmer, Katzen, Siebenschläfer, Eichhörnchen, Mäuse, Spinnen, Vögel und ich habe bestimmt welche vergessen…sind unsere Freunde.

Die Jahreszeiten erlebe ich sehr intensiv und der Kreislauf des Lebens zeigt sich mir an keinem anderen Ort so wie im Garten. Dort denke ich auch am meisten darüber nach. Vom Keimen im Frühjahr, zum Reifen im Sommer, bis zum Vergehen im Herbst und der Ruhe im Winter zeigt sich das Leben in seinem natürlichen Lauf.

Durch unsere Kompostwirtschaft gibt es keinen Gartenabfall. Alles Vergangene verkompostiert und wird erneut in die Erde gegeben und verhilft dem Garten zu seiner Kraft und Schönheit. Im Mikrokosmos zeigt sich der ganze Kosmos und mit dem Tun kam das Verstehen, Lernen und Begreifen wie es geht. Eine seelische Verbundenheit zeigt uns intuitiv was die Pflanzen und die Erde benötigen und es kommt Ruhe ins Tun.

Das verführerisch Flüchtige berührt mich und die ständige Veränderung dort zeigen mir, dass alles gut ist wie es ist. Nicht nur im Garten, sonst auch in meinem Leben beginne ich anzunehmen, dass das so ist. Mein Garten ist mein größter Lehrmeister.

“Die Mücklein summen leise
in ihrer hellen Weise
und alle Wesen beben
und singen leis vom Leben.”

(Paula Modersohn-Becker)

Andrea G.

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