Der Flaneur

Meine morgendliche Routine ist geprägt von wiederkehrende Tätigkeiten und zeitliche Abläufe, von durchaus nötigen und meiner Meinung nach auch selbstverständlichen Handlungen, so dass ich rechtzeitig bereit bin: gewaschen, gekleidet, koffeiniert, mit allen meinen sieben Sachen (oft auch mehr) vor Ort.

Auf dem Arbeitsweg vielleicht schon das erste Telefongespräch geführt, die Präsentation durchgegangen oder eine Sitzung vorbereitet.

Das tönt getaktet, zielstrebig, effizient. Wörter wie Musse und Flanieren wirken hingegen, als ob sie nicht zu diesem alltäglichen Grundton passen würden.

Vielleicht reicht es dieses Wochenende dazu, aber spätestens in den nächsten Ferien. Dann richtig loslassen: den Terminkalender zuhause lassen, das Mobiltelefon auch … nein, das doch nicht. Jedenfalls sich treiben lassen, ohne Plan und ohne Ziel wie ein Flaneur, mit offenen Augen und Neugier durch die Stadt schlendern und dabei fremde Düfte, Geräusche, Farben aufmerksam wahrnehmen.

Der französische Dichter Charles Baudelaire hat diesen lässigen Spaziergänger als sensiblen Künstler hochstilisiert, der in seinem dandyhaften Erscheinungsbild als forschender Botaniker das Leben im urbanen Jungle wachsam erkundet.

Diese Kunst der Sinneswahrnehmung und die dazugehörigen Gedanken, Gefühle, inneren Bilder und Vorstellungen, lässt sich auch im vollgeplanten Alltag bewusst erleben.

Anstatt den Bus für den letzten Abschnitt meines Arbeitsweges zu nehmen, gehe ich diesen zu Fuss. Abzweigungen, auch wenn sie nicht den direktesten Weg bilden, sind wie Saatgut für Fotos, Eindrücke und Ideen die ich, nachdem sie gediehen sind, in Tagebucheinträgen festhalte.

Über Mittag lese ich einige Seiten aus einem Buch oder einer Literaturzeitschrift und fühle mich erholter und inspirierter als dies mit dem Surfen durch Sozialmedienbeiträge oder das Durchsehen von Gratiszeitungen der Fall wäre.

Am Ende des Tages bin ich neugierig auf die Tageseindrücke von anderen Daycatcher und freue mich über das, was meine Familie alles am Küchentisch zu erzählen hat.

Im Film „Und Täglich grüsst das Murmeltier“ durchlebt Phil Connors den gleichen Tag immer wieder. Allmählich entdeckt er, als er seine innere Haltung ändert, dass sich neue Chancen und Möglichkeiten in der Wiederholung ergeben. Und sein Leben blüht auf. Was hat dich heute berührt?

Homo serendipitous

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